Frau B. ist leitende Controllerin eines mittelständigen Unternehmens. In ihrer Führung erlebt sie immer wieder Situationen, in der sie das Gefühl hat, dass ihre Mitarbeiter gegen sie anstatt mit ihr zu arbeiten. In der jüngsten Vergangenheit hat eine ihrer Mitarbeiterinnen vertrauliche Informationen einer anderen Abteilung weitergeleitet, wodurch ein für Frau B. wichtiges Projekt platzte. Frau B. ist eine sehr verantwortungsbewusste und zielstrebige Person. Aber die Personalführung kostet sie ungewöhnlich viel Kraft. Sie kommt ins Coaching weil sie für sich klären möchte, ob Führung das richtige für sie ist oder ob sie sich in einem Changeprozess beruflich noch einmal verändern will.

Situation:
Frau B. sitzt ihrer Mitarbeiterin gegenüber (gespielt von der Seminarschauspielerin Elena als Übungspartner). Sie hat die Mitarbeiterin zum Gespräch gebeten, weil sie wissen will, wie es dazu gekommen ist, dass sie vertrauliche Informationen weitergegeben hat. Außerdem möchte Frau B. die Mitarbeiterin in diesem Konflikt wieder „auf ihre Seite“ bekommen. Aus dem Vorgespräch bekomme ich als Coach den Eindruck, dass Frau B. tief gekränkt ist. Frau B. skizziert ihre Mitarbeiterin als warmherzige und eloquente Mitarbeiterin.

Während des Gespräches zwischen Frau B. und ihrer Mitarbeiterin kommuniziert Frau B. ausschließlich auf der Kompetenzebene. Sie appelliert an das Wissen ihrer Mitarbeiterin. Dabei sitzt Frau B. kerzengerade und unbeweglich und auch ihre Mimik verrät in dieser Szene kaum Emotionen. Indem sie das Kinn leicht hochnimmt, schaut sie auf ihrer Mitarbeiterin herunter. Ihre Stimme ist monoton und fast ohne Punkt. Immer wieder wechselt ihre Mitarbeiterin das Thema, um dem Druck zu entkommen. Später erzählt sie, dass die Situation für sie so kalt war, dass sie auf Durchzug geschaltet hat. Sie konnte Frau B. nicht einschätzen und hat sich deshalb nicht getraut, die Sachlage aus ihrer Sicht zu skizzieren.

Das Bild dazu:
Bei einer Partie Wasserball lächeln sich die Spieler über der Wasseroberfläche freundlich zu. Unter Wasser jedoch treten sie mit aller Macht auf den Gegner ein.

Die Lösung auf dem Weg zu Führungsklaar

Frau B. ist stark kompetenzorientiert. Die wichtige Balance zwischen Warmherzigkeit und Kompetenz ist in der Führungssituation aus dem Gleichgewicht geraten. Frau B. gelingt es im Rollenspiel nicht, ihre Emotionen zu benennen. Da die Emotionen im Raum aber sehr stark spürbar sind, erlebt die Mitarbeiterin Frau B. und die Situation als furchteinflößend. Hierdurch werden ihre Selbstschutzmechanismen aktiviert. Die Mitarbeiterin ist nicht mehr in der Lage, in dem Konfliktgespräch lösungsorientiert zu denken und zu handeln.

Auf meine Frage an Frau B. im Beratungsgespräch, was sie spürt, antwortet sie nach längerem Überlegen: „einen Knoten im Bauch“. Gemeinsam mit mir erarbeitet sie die Strategie, diesen „Knoten im Bauch“ auch zu benennen. Außerdem gehen wir gemeinsam auf die Suche nach einer alternativen Körperhaltung, die auch mehr Nähe zulässt. In der gleichen Szene gelingt es ihr in der Folge, an geeigneter Stelle zu benennen, dass sie aufgrund des Vorfalls „einen Knoten im Bauch hat“. Die Reaktion der Mitarbeiterin ist Kooperation anstatt Verteidigung. Sie ist betroffen und erlebt ihre Vorgesetzte als verletzbaren Menschen, wodurch ihre Angst Platz macht für Betroffenheit und Offenheit.

Da Frau B. Teilnehmerin des „Follow me factor©“ Prozesses ist, verabschieden wir uns für das nächste Mal. In ihrer Handtasche steckt ein Büchlein voller Worte und Sätze zum Benennen der eigenen Emotion. Ich sehe aus dem Fenster, wie sie zu ihrem Auto geht und ihre Handtasche fest umklammert und ich bin gerührt.

Institut Synergie GmbH

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